Ein Verzeichnis der pädagogischen und theoretischen Werke Luigi Cherubinis
Cécile Cherubini (1773–1864), die Witwe des Komponisten, beauftragte 1843 Auguste Bottée de Toulmon (1797–1850) mit der Redaktion eines Verkaufskatalogs für den Nachlass ihres Mannes. Bottée de Toulmon benutzte dazu eine heute verschollene Liste, die Cherubini selbst von seinen eigenen Kompositionen erstellt hatte. Darin waren aber nur die ‹besten› Werke – und davon jeweils nur die ‹beste› Quelle, das heisst die vollständige Partitur – aufgelistet. Damit war auch Bottée de Toulmons Katalog keineswegs ein Werkkatalog im heutigen Sinne. Nachfolgende Versuche eines Werkverzeichnisses (Bellasis 1874, Lesure/Sartori 1962) basieren weitgehend auf Bottée de Toulmons Publikation. Jeder neue Band der Luigi Cherubini Werkausgabe (bei Anton J. Benjamin/Simrock, Berlin) unter der Leitung von Helen Geyer und der Internationalen Cherubini-Gesellschaft bringt nun im Hinblick auf ein Werkverzeichnis für alle Gattungen der Komposition entscheidende Fortschritte in der Quellenkenntnis – und liefert damit eine Grundlage für ein umfassendes Werkverzeichnis.
Innerhalb des Projekts Luigi Cherubini und die Kompositionslehre am Pariser Conservatoire als umfassende Ausbildungspraxis (ca. 1810-1840) wurde von 2021 bis 2025 ein Online-Teilverzeichnis aller pädagogischen und theoretischen Werke Cherubinis (Luigi Cherubini Catalogue, LCC) verfasst. Diese beinhalten Werke wie Solfèges und Generalbass-Übungen, die üblicherweise nicht als ‹Kompositionen› gelten, jedoch von grosser Bedeutung sind, um Cherubinis Verständnis des Kompositionshandwerks und der pädagogischen Vermittlung von Musiktheorie greifbar zu machen. Als wichtige Vorstudien für das vorliegende Verzeichnis gelten die Edition der «basses chiffrées» und «sujets de fugue» durch Sean Curtice (2016) sowie die Edition des «Cours de contrepoint» durch Maxime Margollé (2022). Die Werke wurden als Normdaten mit der RISM-Software Muscat katalogisiert.
Die Werke werden durch ein Kürzel für die jeweilige Gattung gekennzeichnet (siehe Tabelle 1). Auf das Kürzel folgt eine laufende Nummerierung, die im Sinne einer Identifikationsnummer weder eine Chronologie noch eine Tonartenabfolge kennzeichnet, sondern sich auf die ältesten gedruckten Quellen stützt. Bei den basses chiffrées, den chants donnés und den sujets de fugue wird grösstenteils die Nummerierung in Curtice (2016) übernommen, der seinerseits weitgehend die Reihenfolge in Pierre (1900, 1901) übernimmt. Für die Solfèges wird so weit wie möglich die Reihenfolge in den Erstdrucken (Agus et al. [1799], Agus et al. [1801], Cherubini [1838]) befolgt.
Angesichts des musikwissenschaftlichen und musiktheoretischen Interesses von historischen Unterrichtsformen der Komposition werden hier einzelne Übungsstücke verzeichnet und als eigenständige ‹Werke› behandelt. Die Entscheidung, allen Bässen, Solfeggi oder Fugenthemen von Cherubini eine eigene Identifikationsnummer zuzuweisen, ist in erster Linie durch den Wunsch motiviert, diese Übungen für Forschungs- und Lehrzwecke leichter identifizierbar zu machen.
Tabelle 1: Gattungskürzel
Die Datenbank enthält unterschiedliche Informationen, nach denen die einzelnen Werke gesucht oder sortiert werden können (siehe Tabelle 2). Der verwendete Schlüssel (die Bezeichnung «C1», «G2» usw. gibt Tonhöhe und – von unten nach oben nummerierte –Linie an) wurde nur für die Solfèges angegeben, da diese Information nur für diese Gattung relevant ist: In den Quellen sind Solfèges bisweilen nicht nur in verschiedene Tonarten transponiert, sondern kommen auch mit unterschiedlichen Schlüsseln sowie in der typischen Übungsform mit ständigem Schlüsselwechsel («CC», changement de clef) vor. Diese Transpositionen und alternativen Schreibweisen sind für den musikalischen Inhalt von geringer Bedeutung, für die (damalige oder heutige) Verwendung im Unterricht jedoch eine wichtige Information. Aus diesem Grund tragen die betroffenen Solfèges auch die gleiche LCC-Nummer, sind aber zu ihrer Unterscheidung mit einem Zusatzbuchstaben versehen.
Tabelle 2: Such- und Sortiermöglichkeiten
Für jedes Werk wird in der Datenbank unter «Werkbeschreibung» der entsprechende Eintrag auf RISM Online verlinkt. Die einzelnen Quellen sind, soweit in RISM erfasst, dort ebenfalls zugänglich. Kopien der Werktabelle und der Quellenübersicht stehen auf Zenodo zur Verfügung.
Herausgegeben von Claudio Bacciagaluppi, Marius Barendt, Lynn Beutler, Lydia Carlisi, Gigliola Di Grazia, Vivian Domenjoz und Camilla Köhnken; Redaktion und techn. Support: Daniel Allenbach und Beat Zimmerli